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Tag VI

Lies wie Jasmin ihre Intuition entdeckte mit Hilfe von Khaled.Jasmin schreckte hoch. Sie saß senkrecht im Bett. 

Es ist nur ein Traum!, sagte sie sich. Khaled. Sie hatte von Khaled geträumt. Ihr ganzer Körper zitterte vor Angst. Er war in Gefahr.
„Was ist los?” Ben sah sie schlaftrunken an.
„Ich muss zum Stall.”
„Es ist 4:00 Uhr morgens, Jasmin. Beruhig dich.”
„Ich habe ihn gesehen im Traum. Aber er war nicht weiß, sondern schwarz. Ich habe schreckliche Angst, dass ihm etwas zugestoßen ist.”Das Tor des Auslaufs stand eine Handbreit offen. Khaled war abgehauen. Ihre Intuition war richtig gewesen. Jasmin fühlte die Panik aufsteigen. Wo war er? In 1 km Entfernung gab es eine Schnellstraße, wo die Autos um die Kurve schossen. Bald würde es hell werden und der Berufsverkehr begann. Ihre Fantasie ging mit ihr durch.

Wie sollte sie ihn finden, jetzt wo es stockfinster war? Er konnte überall sein. Sie begann nervös hin und her zu laufen, sie musste irgendwie das Adrenalin abbauen. Sie musste einen klaren Kopf bekommen. 
Am anderen Ende der Koppel war ein kleiner Fluss, sie tastete sich im Dunkeln dorthin. Das Wasser plätscherte über die Steine. Das Geräusch beruhigte sie. Ihr Atem wurde ruhiger, es war kalt. Sie sah sich um: Der Halbmond tauchte die Landschaft in ein milchiges Licht. Aber nirgendwo war die Silhouette eines Pferdes zu sehen.

Da fiel ihr ein, was ihr Großvater einmal zu ihr gesagt hatte. Er war ein großer Pferdemann gewesen.
„Die wichtigste Fähigkeit eines Pferdemenschen ist seine Intuition.”
Ihr Großvater hatte tatsächlich einen sechsten Sinn für Pferde gehabt und damit hatte er viele schwierige Situationen gemeistert. Ihre Intuition hatte sie hierher geführt – aber wie ging es jetzt weiter? 
Jasmin dachte wieder an ihren Traum. Khaled, der ein Schimmel war, war in dem Traum nicht weiß gewesen, sondern schwarz. Warum? Was wollte der Traum ihr sagen?
Wieder lauschte sie dem Plätschern des Wassers. 

Plötzlich verstand sie: Er war schwarz, weil die Sonne in seinem Rücken war. Sie musste in die Richtung gehen, in der er vor der Sonne stehen würde. Sie würde ihn dort finden, wo die Sonne aufging. Im Osten. Sie lief los. 
Und tatsächlich, da stand er und suchte nach Grashalmen im Schnee und in seinem Rücken ging die Sonne auf. Im Schatten der Sonne war sein weißes Fell dunkel. Khaled sah sie an mit diesem weisen Blick.
Ich glaube, er wollte mir zeigen, dass ich auf meine Intuition vertrauen kann, dachte sie. Plötzlich fühlte sie eine große Dankbarkeit.

„Komm”, sagte sie. Sie hatte kein Halfter und keinen Strick dabei, aber Khaled folgte ihr auch so.Das Goldstück von Ulrike:Als Pferdemenschen brauchen wir unsere Intuition. Denn Pferde stellen uns oft vor Probleme, die wir nur mit unserer Intuition lösen können. 

Pferde wecken in uns die Gabe, das Unsichtbare wahrzunehmen und darauf zu vertrauen. Darin sind sie Meister und wie können es von ihnen lernen. Nächsten Montag, 22.02. um 19:00 Uhr auf Facebook erforschen wir die Intuition mit Hilfe des Pferdespirits. Wie gut ist deine Intuition?
LinkEs ist magisch, wenn du deine Intuition entdeckst.
Das wünsche ich dir und deinem Pferd von Herzen.

Tag V

Der Schnee glitzert, der Himmel ist blendend blau. Genau der richtige Tag, um mit Khaled in den Roundpen zu gehen und etwas auszuprobieren, was Jasmin gestern auf YouTube gefunden hat: energetische Grenzen.Puhhhh, wie soll das gehen?

Jasmin führt Khaled in den Roundpen und macht den Führstrick los. Er steht da und sieht sie an, die Ohren aufgestellt. Jasmin fühlt, wie ihr Herz klopft bis zum Anschlag. Was passiert als Nächstes?Normalerweise würde sie jetzt mit dem Training beginnen, ein Kommando erteilen und daran arbeiten, dass das Pferd tut, was sie will. So hat sie das gelernt.

In ihrem Rücken fühlt sie den Blick von Sabrina brennen. Sie dreht sich um und tatsächlich Sabrina steht da und beobachtet sie. Im selben Moment fühlt Jasmin einen stechenden Schmerz im Oberarm. Die Wut explodiert in ihr wie eine Stichflamme.

Khaled hat sie schon wieder gebissen! Selbst durch den Anorak hindurch hat er sie erwischt.
“Gib ihm eins auf die Fresse!“, brüllt Sabrina.
Aber das bringt Jasmin nicht fertig. Das konnte sie noch nie. Sie fühlt die bekannte Ohnmacht aufsteigen. Vielleicht ist sie einfach unfähig mit Pferden umzugehen.
Sabrina kommt jetzt angelaufen.

„Was du hier tust ist lebensgefährlich”, brüllt sie. „Du züchtest dir ein Monster. Du musst ihm eine Grenze setzen, sonst verliert er jeden Respekt. Und dann wird es richtig gefährlich.”
„Nein!“, brüllt Jasmin zurück. „Es gibt einen anderen Weg.”
„Dann zeig ihn mir”, sagt Sabrina.

Jasmin atmet tief ein und aus.„Es ist zu eng hier”, sagt sie, „für Khaled und mich. Wir brauchen mehr Raum.Sie klinkt den Führstrick ein und führt Khaled auf den Reitplatz, der drei Mal so groß ist wie der Roundpen. Dann tut sie das, was sie gestern in dem Video gelernt hat.

Sie führt Khaled an das eine Ende des Reitplatzes, macht den Führstrick los und entfernt sich von ihm. Er bleibt stehen und sieht ihr nach. Sie geht rückwärts, so dass sie sehen kann, ob er ihr folgt oder nicht. Sie möchte gern Abstand gewinnen. Sie sucht so viel Distanz, bis sie ein Gefühl der Erleichterung spürt. Im selben Moment lässt Khaled den Kopf fallen und sein Blick wandert in die Ferne. Auch er kann sich jetzt entspannen.Jetzt gibt es genügend Raum zwischen Ihnen.Jasmin versteht, dass Khaled nicht beißt, um sie zu verletzen, sondern um sich zu schützen. Er beißt, wenn es ihm zu eng ist. Deshalb macht es auch keinen Sinn ihn dafür zu bestrafen. Dabei verliert sie nur sein Vertrauen.Und das eine weiß sie: Wenn sie sein Vertrauen verloren hat, hat sie alles verloren.Sie macht einen Schritt auf Khaled zu und sieht, wie er in ihre Richtung schaut. Sie bleibt stehen, atmet aus. Sie sieht, wie er abkaut. Sie macht wieder einen Schritt. Er legt die Ohren an, sie bleibt stehen. Sie geht einen halben Schritt zurück und atmet aus. Seine Ohren wandern wieder nach vorne, sie macht wieder einen Schritt. So nähert sie sich Schritt für Schritt.Als sie schließlich bei Khaled ankommt, fühlt sie eine große Stille in ihm und in sich selbst. Sie klinkt den Führstrick ein, und, ohne ihn auffordern zu müssen, folgt er ihr. Sie führt ihn zurück auf die Weide.

Es funktioniert, denkt sie. Es ist das, was ich gesucht habe: Frieden und Harmonie für Khaled und mich durch die feine Wahrnehmung unserer Grenzen.
Sabrina steht da und sagt kein Wort

.Das Goldstück von Ulrike:
Werde feiner, statt gröber. 
Du erkennst die energetischen Grenzen eines Pferdes an seiner Anspannung. Es beginnt mit einem feinen Signal wie dem Ohren anlegen. Die Anspannung wird stärker, wenn du die Signale des Pferdes nicht beachtest. Wenn du sie beachtest, und wartest, wird das Pferd sich wieder entspannen. So könnt ihr entspannt und sicher zusammenarbeiten. 

Ein Tipp: Beginne diese Übung mit einem Abstand zum Pferd, bei dem ihr euch beide wohl fühlt.

Tag IV

Seit ihr Traumpferd in Ihr Leben gekommen ist, steht Jasmins Leben auf dem Kopf. Ihre Stallkollegin Sabrina hat sich in eine Giftschlange verwandelt. Und Ben ist aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen. Er glaubt, dass Jasmin ihr Pferd mehr liebt als ihn.Der Boden ist verreist und statt zu reiten, geht Jasmin heute mit Khaled spazieren. Sie hat Angst, dass er ausrutscht und dann sein und ihr Gewicht nicht balancieren kann.

Sie wandern durch die kahle Schneelandschaft und Jasmins Gedanken kreisen und kreisen.
„Du musst mir helfen, Khaled”, murmelt sie vor sich hin. Sie erwartet keine Antwort. „Ich möchte Ben nicht verlieren. Ich liebe ihn und ich liebe dich. Kann ich nicht euch beide lieben?”
Khalid schnaubt. Dann bleibt er stehen.
„Komm, weiter, Khaled. Es ist kalt!”
Khaled bewegt sich keinen Millimeter.
“Khaled! Es ist kalt.” Jasmin zieht am Strick. Sie zieht noch ein wenig stärker und noch ein wenig stärker. Es fühlt sich überhaupt nicht gut an und es hat auch keinerlei Wirkung. „Verdammt! Ich wollte ein arabisches Pferd. Arabische Pferde sind sensibel, da muss man nicht grob werden.” 
Khaled, das arabische Pferd, ist zur Steinsäule erstarrt. Jasmin zieht jetzt seinen Kopf zur Seite. Irgendwann wird er das Gleichgewicht verlieren und seine Beine werden sich bewegen. Puhh! Er geht tatsächlich einen Schritt zur Seite. Dann bleibt er wieder stehen. Sie probiert es ein paar Mal. Mit viel Kraft und Druck macht er ein paar Schritte. Dann lässt er nicht mal mehr seinen Kopf zur Seite drehen. 
„Verdammt!” Jasmin sieht sich um. Kein Mensch weit und breit.
„Okay, wir gehen nach Hause”, sagt sie. Normalerweise ist da jedes Pferd gleich dabei, denkt sie. Aber nicht Khaled. Ich bin unbestechlich, steht in großen Buchstaben auf seiner edlen Stirn geschrieben. 
Ausatmen, sagt sie sich. 
„Ganz ruhig”, sagt sie zu Khaled. Und muss im gleichen Moment laut lachen. Ruhig, das ist er ja schon. Sie ist die diejenige, die etwas Gelassenheit brauchen könnte.
Es ist völlig klar, dass ich ihn keinen Millimeter bewegen kann, wenn er nicht will. Und er will nicht. 
„Alle sind gegen mich! Sabrina, Ben, und jetzt auch noch du! Was habe ich falsch gemacht?”
Wie durch ein Wunder beginnt Khaled plötzlich wieder zu laufen. 
Ihr Handy klingelt, es ist Ben.
„Wo bist du?“, fragt er.
„Ich bin hier draußen im Schnee mit Khaled. ich bin ganz allein und ziemlich verzweifelt. ich habe das Gefühl, alle Welt ist gegen mich. Ich brauche dich, Ben.” 
Stille in der Leitung. 
Khaleds Hufe knirschen im Schnee. Jasmins Schritte knirschen im Schnee,  
„Was kann ich für dich tun?“, fragt Ben. Wow, erfragt mich, was ich tun kann, anstatt von mir zu verlangen, was ich tun soll.
Ja, was?, fragt sie sich. Kahled schnaubt. Er wirkt zufrieden.
„Mich einfach lieb haben”, sagt Jasmin. 
Die Tränen kullern aus ihren Augen.

Das Goldstück von Ulrike
Liebe ist Liebe. Es gibt genug für alle. Wenn ein Pferd stehenbleibt oder in der Bewegung stockt, dann hat es oft mit einer emotionalen Blockade zu tun. Wenn die Blockade aufgelöst ist, fließt die Bewegung wieder.

Was kannst du tun? Entscheide dich für die Liebe. Wie Jasmin. 
Dann fühlt sich auch dein Pferd wohl. 

Tag III

So ging es Jasmin. Sie hat sich ihr Traumpferd gekauft und musste feststellen, dass er beißt. Nicht nur sie, sondern auch Ole, den Tinker ihrer Stallkollegin Sabrina. 

Egal, jetzt, in diesem Moment ist alles gut. Jasmin steht neben Khaled, sein Maul an ihrer Wange. Er könnte sie sehr verletzen, wenn er jetzt beißt, das wird er nicht tun. Plötzlich ist da dieses riesige Vertrauen, diese Intuition. Dieser Moment mit Khaled ist so groß. Um Jasmin herum herrscht Chaos, ihre Stallkollegin Sabrina hat den Krieg eröffnet. Aber jetzt gerade ist alles gut sein. Sein Maul an ihrer Wange. Sie ist sicher.

Nach einer Weile sieht sich Jasmin um. Sabrina schaut in ihre Richtung aber sie keift nicht. Sie ist still.

Jasmin fühlt ein warmes Gefühl durch alle Glieder strömen. Es ist als könnte sie jetzt gerade Khaleds Seele fühlen. Seine Seele berührt ihre Seele. Das werde ich nie wieder vergessen, verspricht sie sich. Jetzt wird alles gut, denkt sie. Sabrina steht immer noch da und schaut wie verloren in die Ferne.

„Bitte schicke mir die Rechnung vom Tierarzt”, sagt Jasmin. Khaled hatte Ole eine tiefe Bisswunde zugefügt.
Sabrina wacht auf wie aus einem Traum. Eben hat sie noch ausgesehen wie ein Engel, ihr Ausdruck war ganz fein und mild gewesen. Jetzt ist die alte Fratze wieder da.

„Darauf kannst du deinen Arsch verwetten”, sagt Sabrina. „Das hättest du mir nicht sagen müssen. Die hättest du auch so gekriegt!”

Jasmin erschrickt vor so viel Wut, alles zieht sich in ihr zusammen. Die schöne Stimmung hier platzt wie eine Seifenblase. Sie hat Sabrina fragen wollen, ob sie nicht wieder das Misten und Füttern teilen können, aber sie will nicht schon wieder eine Watsche einfangen. 
Das bedeutet zweimal am Tag zum Stall fahren, jedes Mal 20 Minuten, eine Fahrt, wie sollte sie das schaffen? Und wie soll sie dann noch Zeit finden für Khaled und etwas Schönes mit ihm machen, neben dem Job. Und wie soll sie das Vertrauen von Ben wieder finden, wenn Sie noch mehr Zeit im Stall verbringt?

„Tja, das hättest du nicht gedacht, dass dein Pferd so viel Probleme macht”, feixt Sabrina. „Willkommen im Club.” 
„Mein Freund hat letzte Nacht auf dem Sofa geschlafen”, sagt Jasmin. „Er denkt, ich liebe mein Pferd mehr als ihn.”
„Mein Mann hat damals dasselbe gesagt”, er widert Sabrina. „Vor zwei Wochen ging die Scheidung über den Tisch.”
Jasmin fühlt plötzlich eine tiefe Trauer, die Trauer von Sabrina. 
„Ole ist alles was mir geblieben ist” sagt Sabrina. „Ich habe meine Freunde verloren, meine Familie hat sich von mir entfernt.” Ihr Blick wird noch trauriger. „Sie haben sowieso nichts getaugt.” 
Es erschreckt Jasmin und gleich zugleich fühlt sie die Verletzung von Sabrina und dass sie irgendwie im selben Boot sitzen.

Nächste Woche geht es weiter mit Jasmins Geschichte …

Ulrikes Goldstück:

 Pferde bringen oft Probleme mit, die zu groß für uns sind. Dann fühlen wir uns ohnmächtig und verloren – bis eine Lösung kommt, mit der wir nicht gerechnet hätten. Die Lösung kommt nicht, weil wir entschlossen sind noch härter zu kämpfen, noch weiter zu fahren, noch mehr zu arbeiten. Sie kommt im Moment, wo wir aufgeben und vertrauen, dass uns geholfen wird.

Das kannst auch du erleben mit deinem Pferd.

Tag II

Heute erzähle ich die Geschichte von Jasmin weiter, die sich ihr Traumpferd gekauft hat und schon bei der ersten Begegnung von Khaled gebissen wurde. Sie versteht ihr Pferd einfach nicht. Sie liebt ihn doch so sehr.

 Nächsten Montag um 19 Uhr auf Facebook spreche ich über 
„Ich verstehe mein Pferd einfach nicht”. 

Hier findest du die Aufzeichnung vom letzten Mal.  

Jasmin ist am Boden zerstört. Ihr Arm schmerzt wie Hölle. Wie betäubt fährt sie nach Hause. Ihr fällt ein, dass der Kühlschrank leer ist. Seit zwei Wochen, seit sie Khaled zum ersten Mal gesehen hat, dreht sich alles nur noch um ihn. Jetzt einkaufen? Das packe ich jetzt nicht. Im Eisfach ist noch eine Tiefkühlpizza. Ben, ihr Freund, ist unansprechbar. Seit Tagen schon. Er hat sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen. Hat er vielleicht eingekauft? Nein. Am Anfang hat er sie noch unterstützt. 
Sie wirft die gefrorene Pizza in den Ofen. Die Beziehung mit Ben ist auch am Gefrierpunkt, aber der Ofen, der sie knusprig macht, ist nicht in Sicht. 
„Khaled hat mich gebissen”, sagt Jasmin.
„Das tut mir leid”, sagt er, ohne aufzuschauen von seinem Laptop.
„Willst du die Hälfte von der Pizza?”
„Ich hab schon gegessen.”

Jasmin fühlt wieder dieselbe Wut aufsteigen wie vorhin auf dem Reitplatz als Sabrina sie so dumm angemacht hat. Sie denkt nach, wen sie anrufen könnte. Sie braucht jemanden zum Reden. Aber ihre Freunde interessieren sich nicht für Pferde und ihre Pferdefreundinnen sind anderer Ansicht als sie. Tabea würde sagen: Dem musst du gleich eins überbraten. Sonst erziehst du dir ein bissiges Pferd. 
Ben kommt nicht mit ihr ins Bett, er verzieht sich mit seiner Bettdecke auf das Sofa.
„Bitte Ben, lass mich nicht im Stich”, sagt sie. „Ich bauche deine Hilfe.”
„Du liebst nicht nicht mehr”, sagt er. „Du liebst Khaled. Da habe ich keine Chance.” 

Am nächsten Tag fährt Jasmin auf den Hof und sieht das Auto des Tierarztes auf dem Parkplatz stehen. Sie läuft zum Stall runter und sieht, dass Khaled von den anderen Pferden abgetrennt steht. Er hat den Tinker von Sabrina gebissen, der Arzt versorgt seine Wunde. 
„Dein Scheißpferd wird nie wieder in die Nähe von meinem Ole kommen”, sagt Sabrina. 
„Und versorgen kannst du ihn jetzt auch allein.”
Ich packe das nicht, denkt Jasmin. Zwei Mal am Tag zum Stall fahren. Ich traue mich nicht mal zu ihm rein. Was, wenn er mich wieder beißt? Ich packe das nicht. Am liebsten möchte sie, dass Khaled einfach verschwindet, dass alles wieder so ist wie vorher. 

Jasmin fühlt sich unendlich müde. Sie schlüpft unter dem Balken durch in Khaleds Auslauf hinein. 
„Bist du wahnsinnig?“, brüllt Sabrina. „Du siehst doch, dass der alles zusammenbeißt.”
Es ist kalt, aber Jasmin fühlt die Kälte nicht. Sie lehnt sich mit dem Rücken an den Zaun. Ihr Körper ist unendlich schwer. Khaled steht bewegungslos da und schaut in eine weite Ferne. 
„Warum?“, sagt sie zu ihm. Er wendet ihr den Kopf zu. Sie fühlt eine unendliche Traurigkeit. Khaled lässt den Kopf fallen. Sein Kopf ist so nahe, dass er sie beißen könnte.  
Einen kurzen Moment fühlt sie Angst. Kahleds Nase schiebt sich vor zu ihrem Gesicht. Ihr Herz klopft bis zum Hals. Ihr ganzer Körper ist in Panik. Wenn er wollte, könnte er sie in die Backe beißen. Sie fühlt sein Maul an ihrer Wange. Seine Bewegungen sind unendlich fein. Die Traurigkeit in ihr platzt wie ein zu prall gefüllter Luftballon und sie wird ganz still. 

Mein Goldstück für Jasmin:

Menschen haben gelernt, ihre Gefühle zu unterdrücken, während die Gefühle in ihrem Innern weiter toben. Pferde reagieren auf die Spannung, die entsteht, wenn wir Gefühle unterdrücken. Wenn wir die Gefühle zulassen, entspannen sich die Pferde. Es ist gar nicht so einfach, Zugang zu den unterdrücken Gefühlen zu finden. Oft verstehen wir das Verhalten der Pferde als bösartig, während sie doch nur ausdrücken, was mit uns los ist. Der wir können wieder lernen, wahrhaftig zu fühlen und dabei gewinnen wir das Vertrauen der Pferde.Im nächsten Newsletter geht es weiter mit Jasmin und Khaled. Wie bekommt sie das Beißen von Khaled in den Griff?

Tag I

Heute erzähle ich dir die Geschichte von Jasmin, die gerade ihr erstes Pferd gekauft hat. Sie ist sowas von weg gebeamt von ihrem hübschen Khaled. Aber auch Kahled weiß, welcher next Level für Jasmin ansteht.

Heute ist der perfekte Tag, denkt Jasmin. Boah, ich kann gar nicht glauben, dass er jetzt wirklich echt da ist. Dieses Wahnsinnspferd. Mein Pferd. Erstes Eigenes! Es ist so gigantisch. Er ist so waaaaaahnsinnig schön. Das hätte ich nie geglaubt ….Ich und so ein Pferd. Er ist ein göttliches Geschenk. Khaled! Eines weiß ich: Ich werde ihm nie wehtun. Das ganze Gedöns mit: ich muss der Boss sein. Never. Er ist mein Seelenfreund.Heute wird etwas ganz Besonderes passieren. Das fühle ich. Letzte Nacht ist Schnee gefallen. Das ist ein Zeichen! Neuschnee. Für mein neues Pferd. Für Khaled und mich. 

Heute Morgen habe ich die Karte gezogen: „Aufbruch ins neue Leben”. Passt 100 %. Da stand: Rechne mit dem Unerwarteten. Ich bin bereit! Yeahhh.
OMG. Khaled steht am Zaun, er erwartet mich. Er weiß es auch: Heute ist ein gigantischer Tag. So gigantisch habe ich mich noch nie gefühlt. 

Nur ganz kurz aus dem Augenwinkel, fällt Jasmins Blick auf Sabrina. Sabrina schaut schon wieder so griesgrämig. Als sie Khaled zum ersten Mal gesehen hat, hat sie ihn doch tatsächlich ein Trampeltier genannt! Kahled, diesen absolut feinen, zarten Araber aus einer megaalten Zuchtlinie – ein Trampeltier! Sie hat nun Gefühl. Sie ist selbst das größte Trampeltier.

Leichtfüßig schwebt Kahled neben Jasmin in Richtung Reitplatz. Nur ganz nebenbei bemerkt Jasmin die bewundernden Augen der Zuschauer. Aber auch da steht sie drüber.  
„Ich sage doch, er ist ein Trampeltier”, hört sie Sabrina in ihrem Rücken. 
Nur ganz kurz hat Jasmin das Gefühl, dass ihr das Messer in der Tasche aufgeht. Aber never!, sie bleibt ruhig und gelassen. Das Gift prallt an ihr ab.
Jasmin lässt Khaled frei laufen auf dem Platz. Der Boden ist gefroren und sie stolpert über einen gefrorenen Brocken. Upps. Das sieht jetzt aber nicht sehr elegant aus. Sie wünschte, sie würden nicht alle zu ihr hinüber starren.
Egal, sagt sie sich, ich bin ccol, ich denke nur an Khaled und mich. Nicht an all die Trampeltiere da draußen, die völlig unsensibel sind und sowieso nur neidisch, weil er so schön ist.
Khaled ist das tollste Pferd, das jemals unter der Sonne auf einem Reitplatz getrabt ist. Heute ist DER TAG. Mein erstes eigenes Pferd, das erste Mal auf dem Reitplatz. Beim Kauf habe ich ihn frei longiert und es war göttlich.
„Pass bloß auf, dass dein Trampeltier dir nicht eins auswischt”, hört sie Sabrina aus der Ferne feixen. 
Danke, sagt sich Jasmin, für die Gelegenheit, dass ich euch zeigen kann, was in ihm steckt. Jasmin hebt die Gerte, um ihn sanft auf den Hufschlag zu schicken. Damit alle sehen können, wie traumhaft arabisch er im Trab schwebt. Nie wieder werde ich zulassen, dass mein Khaled als Trampeltier bezeichnet wird. 

Im selben Moment fühlt Jasmin einen scharfen Schmerz im linken Oberarm. „Autsch!” 
War das Khaled? Fassungslos starrt sie ihn an. Er hat sie gebissen? In Jasmin explodiert etwas – aber es ist nicht die Freude. Ja, er war es. Er hat sie gebissen.
WARUM?
WARUM?
WARUM?

Das meint Ulrike: 

Unerwartete Reaktionen von Pferden, das kennen viele Pferdemenschen. Beißen, Steigen, Buckeln, Durchgehen, scheinbar aus dem Nichts. Pferde bringen uns gnadenlos auf’s next Level. Damit wir nicht zu bequem werden. Jasmin unterdrückt ihren Ärger. Khaled zeigt ihn. Jasmin behandelt Khaled wie ein Objekt. Er zeigt ihr, dass sie eine Beziehung haben.

Im nächsten Newsletter geht es weiter mit Jasmin und Khaled. Hat sie sich womöglich ein bissiges Pferd ins Leben geholt? Und wie löst sie das Problem?

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